Rede zum Eilantrag: Umbenennung der Bürgermeister Gräfer Realschule

alt Gehalten von: 
Dr. Harald Pohlmann 
Vorsitzender CDU-Fraktion


Sitzung des Rates der Alten Hansestadt Lemgo am 14. Dezember 2009

Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren, wir beantragen die Ablehnung des Antrages, sollte die Diskussion keine Mehrheit erkennen lassen, so beantragen wir hilfsweise schon jetzt die Vertagung.

Warum haben wir im Rat der Stadt überhaupt hierüber zu diskutieren? Lassen wir doch die Schule entscheiden, welchen Namen sie tragen will. Im Allgemeinen sicher richtig, doch hier geht es um die grundsätzliche Frage, wie die Stadt mit ihrer wechselvollen Geschichte - auch mit den braunen Jahren umzugehen bereit ist.

Und eines ist ja klar, wer die Person Wilhelm Gräfer so wertet, dass er meint, man müsse die Schule umbenennen, der muss natürlich auch die nach dem Bürgermeister benannte Straße umbenennen. Dies bedarf ja sicher keiner näheren Begründung.

Also haben wir uns der Wertung der Person Wilhelm Gräfers zu stellen. Entscheidendes Argument für die Vertagung ist für mich der folgende Gedanke:

Die Befürworter der Umbenennung wünschen ein Ende der Diskussion, die sie als belastend empfinden. Für uns ist es genau das, was wir brauchen. Wir brauchen diese schmerzhafte Erinnerung. Die schmerzhafte Erinnerung, die kontroverse Diskussion über das Unvorstellbare ist alleiniger Garant für die gelebte Erinnerung. Nur wer sich erinnert, ist sich seiner täglichen Verantwortung bewusst. Dies lässt uns hoffen, dass wir verhindern, dass unsere Gesellschaft noch einmal einen Weg geht wie in den 30er Jahren. Mit all der Kontroverse müssen wir die Erinnerung wachhalten!

Wir leben in Lemgo eine Erinnerungskultur, die sicherlich bisher vorbildlich ist. Gerade die Namensgebung unserer Schulen führt in den Einrichtungen kontinuierlich zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das ist gut, hilfreich und notwendig.

Ich selbst habe zu meiner Zeit als Schüler dieser Schule die Wirkung des Namens erfahren:
Wir Schüler mussten damals dem Festakt zur Schul-Namensgebung beiwohnen und hatten hierzu wenig Lust, es war die Zeit der Studentenunruhen und als Fünfzehnjährige hatten wir andere Dinge im Kopf. Doch dann hörte ich die Rede eines älteren Mannes, die mich zutiefst berührt hat. Es war die Rede des damaligen Stadtdirektors Möller. Seit dieser Rede habe ich mich für Geschichte und insbesondere für die des 20. Jahrhunderts interessiert. Es wurde Fragen aufgeworfen, auf die ich in den folgenden Jahrzehnten auch in meinem Geschichtsstudium Antworten suchte.

Über historische Fragen kann man nur entscheiden, wenn man die Fakten kennt, da dies nicht bei allen hier der Fall ist, gestatten Sie dass ich einige Passagen dieser Rede wiedergebe.

„Wilhelm Gräfer wurde auf Grund eines einstimmigen Ratsbeschlusses 1924 zum Bürgermeister gewählt. Dieses Amt hatte er bis zum 5. April 1945, seinem Todestag, inne.

Sie umfasste die Spanne des kurzen wirtschaftlichen Aufblühens, vor allem die Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs, schließlich die Periode des Dritten Reiches. Er hat seiner Stadt in guten und in schlechten Tagen treu gedient.
Der 3., 4. und 5. April 1945 waren für Lemgo die letzten Kriegstage. Das bedeutete (...) die Auflösung aller Ordnung und aller Werte. Jeder versuchte irgendwie diese Katastrophe zu überstehen. (...) Nur ganz wenige Menschen haben in dieser völligen Auflösung an ihre Pflicht und nicht an sich selbst gedacht. Zu diesen wenigen gehört Bürgermeister Gräfer. Wegen dieser Haltung sollte er uns ein Vorbild sein.

Die Lage am 3. und 4. April war hoffnungslos. Der Amerikaner stand in Hörstmar mit einer Übermacht, die jeden Widerstand der geringen vorhandenen Kräfte auf deutscher Seite völlig sinnlos machte. Nachdem rundherum die Städte zerstört waren, die auch nur den geringsten Widerstand erkennen ließen, z.B. Paderborn, dessen Vernichtung ich selbst miterlebt habe, und deshalb beurteilen kann, welches Schicksal der Stadt Lemgo erspart geblieben ist, machte sich Bürgermeister Gräfer zusammen mit (...) Herbert Lübke auf, um von den Amerikanern eine halbstündige Frist zu erwirken, damit entweder das deutsche Militär die Stadt kampflos übergeben könne oder aber wenigstens Frauen und Kinder sich in Sicherheit bringen könnten. Angesichts der Tatsache, dass die Stadt Lemgo zudem mit Lazaretten dicht belegt war, wurde diese Frist den Unterhändlern eingeräumt."

Soweit das Zitat aus der Rede. Zurück in Lemgo wurden die beiden verhaftet und zu einer Gerichtsverhandlung nach Lügde transportiert. Auf der Fahrt gelang Lübke die Flucht. Gräfer wurde durch ein Standgericht zum Tode verurteilt. Es wurde verfügt, dass das Todesurteil am darauffolgenden Morgen auf dem Kirchplatz von Bodenwerder zu vollstrecken sei. Soldaten haben dort Gräfer mit Gewehrkolbenschlägen den Schädel eingeschlagen und den Leichnam auf der Linde vor der Kirche aufgehängt. „Zur Abschreckung" blieb er dort zwei Tage hängen.

Als die Lemgoer Bevölkerung von der Verurteilung erfuhr, war ihr Zorn so groß, dass sich der Stadtkommandant nur durch Flucht aus Lemgo in Sicherheit bringen konnte.

Lesenswert ist übrigens auch der Brief des amerikanischen Kommandanten an den Sohn Gräfers. Der US-Soldat hat einige Jahre später geschildert, wie sehr sich Gräfer in den Verhandlungen mit ihm für seine Stadt eingesetzt habe.

Wie also kann man jemanden, der sein Leben für andere geopfert hat, posthum verurteilen, indem man Schulnamen und Straßennamen wegradiert?

Dies ist allerdings nur eine von zwei zu beantwortenden Fragen.

Gräfer war Mitglied der NSDAP, erst später, aber während seiner Amtszeit, aber er war ganz zweifellos ein Repräsentant dieses Regimes.

Auf Fotos sehen wir ihn in den zwanziger Jahren auf Festveranstaltungen in fröhlicher Runde mit verdienten jüdischen Lemgoern. Und wenige Jahre danach unterschreibt er die Dekrete für deren Deportation nach Buchenwald oder Theresienstadt. Hier aus dem Rathaus, aus seinem Bürofenster, beobachtete er die erschütternden Szenen, als Familien mit kleinen Kindern zusammengetrieben und abtransportiert wurden. Wie kann man so jemanden ehren?

Auf diesem, unseren Marktplatz hielt Bürgermeister Gräfer die Rede zur Verleihung der Ehrenbürgerurkunde an den anwesenden Adolf Hitler. Wie können wir das Andenken an so jemanden pflegen?

Aber auch: Als einer von wenigen überlebte der Lemgoer Synagogenvorsteher Adolf Sternheim den Holocaust. Nach seiner Rückkehr besuchte er die Witwe von Wilhelm Gräfer. Er schreibt, dass „der Stadtverwaltung alle Maßnahmen von der NSDAP mehr oder weniger aufgezwungen wurden. Gräfers Verhalten in schrecklicher Zeit sei mitfühlend gewesen."

Gestatten Sie mir, dass ich zwei Zitate, die aus der Diskussion Mitte der achtziger Jahre stammen, aber heute uneingeschränkte Gültigkeit haben, hier verlese:

Zunächst eine Wertung der FDP:

„Die Erinnerung an das Dritte Reich wird in Lemgo immer wieder wachgehalten durch den Namen Wilhelm Gräfer, der in seiner Zeit als guter Bürgermeister galt, dem 1945 von seinen Mitstreitern das Leben genommen wurde, weil er weiterhin glaubte, als guter Bürgermeister die Stadt vor der Zerstörung bewahren zu müssen, dem 1967 die Ehre zuteilwurde, Namenspatron der neu erbauten Realschule zu werden und dessen Person 1986 unter der Maxime ... der politischen moralischen Wertung seines Handelns aus heutiger Sicht... nicht mehr geeignet scheint, Namensgeber einer Schule zu sein, in der junge Demokraten erzogen werden sollen. Wer bis 1945 unbehelligt Bürgermeister in einer deutschen Stadt sein konnte, musste sich aktiv an der Politik des Nazi-Regimes beteiligen und deren Gesetze mit verantworten und vertreten."

Soweit eine Stellungnahme der FDP.

Die SPD sah dies ähnlich:

„Es muss berücksichtigt werden, dass es nicht um die Benennung, sondern um die mögliche Um-Benennung der Schule gehen würde.

Diese Um-Benennung würde bedeuten, dass das Verhalten Gräfers im April 1945 keine besondere Anerkennung verdient.

Die 1967 erfolgte Namensgebung ist ein geschichtlicher Tatbestand, der als solcher nicht rückgängig gemacht werden kann.

Der damalige Ratsbeschluss wurde von Ratsmitgliedern gefasst, von denen viele die Zeit des Nationalsozialismus in Lemgo erlebt und von denen einige unter diesem Regime gelitten hatten. Ein Widerruf kommt nur in Betracht, wenn die Arbeiten über den Nationalsozialismus in Lemgo ein Verhalten Gräfers aufdecken würde, neben dem sein späteres mutiges Eintreten für unsere Stadt und sein Tod verblassen."

Verfasser dieses Textes ist Helmut Holländer.

Tatsächlich gibt es neues Archivmaterial: die Familie Gräfers hat vor einigen Monaten einen umfangreichen Nachlass dem Stadtarchiv übergeben. Frau Dr. Sabo hat die Brisanz sofort erkannt und eine Hilfskraft mit der Erstellung dieses Findbuches beauftragt. Mit großer Sorgfalt hat Stephani Kortyla dies getan. Ihr gebührt Dank für diese umfangreiche Arbeit. Ausgewertet hat diesen Bestand mit Originaldokumenten und den Akten des Wiederaufnahmeprozesses noch niemand.

Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren, es lohnt die Aufarbeitung der Geschichte. Aber auch neue Erkenntnisse werden keine absoluten Wahrheiten und Wertungen hervorbringen. Es bleibt das Widersprüchliche in der Person, der schreckliche, verachtungswürdige Mittäter und die heroische Selbstopferung.

Lassen Sie uns dafür Sorge tragen, dass diese einmalige Geschichte Lemgos nicht in Vergessenheit gerät. Sie muss in den nachfolgenden Generationen weiterleben, damit so etwas nicht noch einmal geschieht.

Ich appelliere an Sie, mit einer Umbenennung von Straße und Schule das Buch der Geschichte nicht zuzuklappen. Stellen wir uns der Verantwortung und führen wir diese Diskussion weiter.

Ich schließe mit einem Zitat aus einer Stellungnahme der FDP aus dem Jahre 1986:

„Wir sollten uns dieser Erinnerung stellen: Nicht, indem wie sie löschen, nicht indem wir Gräfer zu einem Widerstandskämpfer machen, der er nicht sein konnte, nicht indem wir weitere wissenschaftliche Untersuchungen anstellen, die uns keine Entscheidung abnehmen, sondern indem wir uns dieser Zeit stellen und sie für unsere Kinder in aller Unmenschlichkeit nacherlebbar machen.
Wenn wir dieses Kapitel der Lemgoer Geschichte so aufarbeiten, dass es in unseren Schulen zum obligatorischen Bestandteil des Geschichtsunterrichts werden kann, haben wir ein Stück Erinnerung umgesetzt in der Verantwortung vor der Geschichte und vor uns selbst."


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